Zum Glück braucht es Viele

Mehrere Generationen unter einem Dach: Michael Hoffers definiert Nachbarschaft neu.


„Ein Häuschen und ein Zäunchen, das ist nicht meine Vorstellung von Leben im Alter. Ich möchte in einer Gemeinschaft wohnen, mit engem Kontakt und Austausch und nicht isoliert im Seniorenklischee.“ Der Mann, der seinen Anspruch so selbstbewusst wie sympathisch offen formuliert, heißt Michael Hoffers, ist 63 Jahre alt und seit ein paar Wochen Pfarrer im Ruhestand. Die vergangenen drei Jahrzehnte hat er im Kreis Kusel gearbeitet und gelebt, vier Kinder großgezogen, Freundschaften aufgebaut. Kusel ist für ihn und seine Frau Dagmar Heimat und Zuhause. Ein Ort, nicht zu groß und nicht zu klein, ideal für den letzten Lebensabschnitt. Den wird das Ehepaar Hoffers jetzt auch verbringen wie geplant: in Kusel, aber jenseits der Norm.

Gemeinsam mit 15 anderen Erwachsenen und 5 Kindern verwirklichen die beiden gerade ihren ungewöhnlichen Traum vom Wohnen. Mit der „Wohnerei Kusel e. G.“ definieren sie das Prinzip Nachbarschaft sehr bewusst neu: generationsübergreifend mit einer Altersspanne von 18 Monaten bis 74 Jahren. Ein Wohnprojekt, das neun Wohnparteien umfasst. Eine bunte Mischung von Menschen quer durch alle soziale Schichten und alle Lebensphasen. Singles, Paare und Familien. Entstehen soll eine lebendige Nachbarschaft, in der man sich selbstverständlich hilft und im Alltag unterstützt, aber auch die natürlichen Grenzen der Privatsphäre achtet. „Sozialkompetenz sollte jeder mitbringen, der sich auf so ein Projekt einlässt“, sagt Michael Hoffers. „Aber im Gespräch merkt man schnell, ob man zueinander passt oder eben nicht.“

Wenn einer alleine träumt, bleibt es ein Traum; wenn aber alle gemeinsam träumen, dann wird es Wirklichkeit. 

Dom Helder Camara
Erzbischof von Recife und Menschenrechtler (†)

 

Jeder erwachsene Bewohner ist Mitglied der eigens gegründeten Genossenschaft. „Wir wollen kein Wohneigentum schaffen, sondern vermieten durch die und in der Genossenschaft“, erklärt Hoffers das Prinzip. „Dadurch sichern wir das Haus und das Projekt für die Zukunft ab und halten es offen für nachfolgende Generationen.“ Jedes Mitglied hat lebenslanges Wohnrecht. Sein Eigenanteil, den es in die Genossenschaft einzahlt, beträgt 25 Prozent des Kaufpreises seiner Wohnung. Der Kauf der Wohnungen wird mitfinanziert durch Kredite der Hausbanken, der ISB und der KfW. „Durch das gemeinsame Bauen und Planen werden viele Kosten, wie Grunderwerbssteuer und Notarkosten, auf mehrere Schultern verteilt. Auch die laufenden Kosten werden schließlich durch die ökologische und energieeffiziente Bauweise niedrig gehalten“, bringt es die Homepage der „Wohnerei“ auf den Punkt.

Ich möchte in einer Gemeinschaft wohnen, mit engem Kontakt und Austausch und nicht isoliert im Seniorenklischee. 

Michael Hoffers
Gründungmitglied der "Wohnerei Kusel e. G."

Im Jahr 2010 fanden sich die Ersten zusammen, um partnerschaftlich das alternative Wohnprojekt zu planen. Die Hoffers gehörten von Anfang an zum harten Kern. Manche Mitstreiter verließen die Gruppe wieder, neue kamen dazu. Im Juli 2014 feierten sie den ersten Spatenstich auf ihrem rund 2.500 Quadratmeter großen Baugrundstück in Diedelkopf in Kusel. Im November zogen die Bauarbeiter bereits den Holzbau hoch. Läuft alles nach Plan, werden die ersten Bewohner im April 2015 einziehen.

„Wir haben uns sehr klar für einen Neubau entschieden“, sagt Hoffers. „Nur so konnten wir Räume und Wohnungen passend zu unserem Konzept planen und unsere baubiologischen Ideen umsetzen.“ Die „Wohnerei“ wird 80 bis 90 Prozent ihres eigenen Stroms erzeugen. Grau- und Regenwasser werden für Haus und Garten genutzt, ebenso Biogas und Solartechnik.

Alle der zwölf Wohneinheiten sind barrierefrei geplant, zwei davon zusätzlich rollstuhlgerecht. Es gibt einen großzügigen Gemeinschaftsraum und eine Gästewohnung, eine Waschküche für alle, einen Garten und einen großen Freiplatz. Drei Zimmer werden die Hoffers bewohnen. 80 Quadratmeter plus Balkon. „Mehr brauchen wir nicht und Besuch bringen wir in der Gästewohnung unter“, sagt Hoffers. Das Leben ist eben leicht, wenn man es mit anderen teilen kann. |