Das Wunder von Wallmerod

Ein Dorf im Westerwald lebt auf.


Die Dörfer aus den Bilderbüchern unserer Kindheit haben in der Realität des Jahres 2014 oftmals Zuwachs bekommen: eine frische Neubausiedlung auf der grünen Wiese, gleich hinter der Ortseinfahrt. Oftmals mag Dorf und Siedlung die gemeinsame Postleitzahl verbinden, ansonsten nur wenig.

Für Klaus Lütkefedder sind viele dieser „Zwitterretortendörfer“ schlicht der Anfang vom Ende: „Im Dorf sterben die Alten und die jungen Menschen ziehen an den Ortsrand oder verlassen das Dorf gleich ganz. Gewachsene soziale Strukturen brechen weg, Dorfkerne sterben weiter aus, Bausubstanzen bröckeln und der demografische Wandel gibt dem Leben in den Ortskernen dann den Rest.“ Lütkefedders Bestandsaufnahme stammt aus erster Hand, denn er ist Bürgermeister der Verbandsgemeinde Wallmerod im Westerwaldkreis. Der Lokalpolitiker engagiert sich für „seine“ rund 15.000 Einwohnerinnen und Einwohner – und ihre Anzahl steigt gegen den landesweiten Trend.

Rund 0,1 Prozent Bevölkerungszuwachs konnten sie hier im Laufe der letzten Monate verzeichnen. Wem diese Summe lächerlich gering vorkommt, der versteht nichts von der Not vieler ländlicher Gemeinden, die eine Landflucht erleben, die stellenweise einem Exodus gleicht. Ein Zuwachs von 0,1 Prozent kommt da einer kleinen Sensation gleich. Und wohl auch deshalb halten in Wallmerod immer öfter Reisebusse aus ganz Deutschland, aus denen Lokalpolitiker mit unterschiedlichen Parteibüchern aussteigen, die das Wunder mit eigenen Augen sehen, verstehen und in letzter Konsequenz kopieren wollen. Sogar einen Professor aus Japan hatten sie neulich zu Gast, der in seiner Heimat Dörfer berät und an Wallmerods Erfolgsformel interessiert war.

Und wie berechnet die sich? In der zwischen Köln und Frankfurt gelegenen Verbandsgemeinde hat sich 2004 bereits Lütkefedders Vorgänger sehr bewusst dagegen entschieden, mit günstigem Bauland neue Einwohner zu gewinnen. Statt auf Neubaugebiete, die die heimischen Felder, Wälder und Wiesen verdrängen und den Ortskern noch stärker verwaisen lassen, setzen die Wallmeröder seitdem auf das Modell „Leben im Dorf – Leben mittendrin“.

„Bei der Baulandausweisung voll auf die Bremse und bei der Innenentwicklung voll aufs Gas“, fasst Lütkefedder die Linie zusammen. Und Mario Steudter, sein verantwortlicher Leiter der Bauabteilung, ergänzt: „Wir geben dem Dorf neues Leben und setzen gleichzeitig familienpolitisch, umweltpolitisch, und was den Anschluss ans Breitbandnetz betrifft, auf neue Standards für unsere Heimat.“

Am Anfang haben sie aber erst einmal Bilanz gezogen und eine Bestandsaufnahme der Grundstücke und Wohngebäude in der gesamten Verbandsgemeinde gemacht. Im Rahmen eines Architektenwettbewerbs entstanden Sanierungsvarianten für Häuser aus den 50er- und 60er-Jahren und alte Bauernhäuser mit Scheunen. „Alles ansprechend und bezahlbar“, betont Bürgermeister Lütkefedder. „So konnten wir den Nachweis führen, dass Omas saniertes Häuschen günstiger zu haben ist als der Neubau auf der grünen Wiese.“

Lieber spielen wir mit Kindern auf der grünen Wiese, statt die Wiese zu betonieren. 

Klaus Lütkefedder
Bürgermeister der Verbandsgemeinde Wallmerod

Ein eigenes Förderprogramm schafft zusätzlich finanzielle Anreize zum Erwerb oder Bau von Gebäuden in den Ortskernen. „Wir haben von Anfang an die Menschen mitgenommen, gezielt in den Gemeinden, aber auch in den rheinland-pfälzischen Medien die Werbetrommel für uns gerührt und tun es immer noch“, sagt Mario Steudter. „Außerdem informiert online unsere ‚Dorfbörse‘ über Immobilienangebote.“

Parallel dazu haben sie die Nahversorgung im Jahr 2012 durch die „Mobilen Märkte“ ausgebaut. Sie haben Generationentreffen initiiert, sich um Schulen, Kindergärten und Jugendtreffs gekümmert. Vor allem aber haben sie fortschrittlich weitergedacht, sich mit dem Naturschutzbund Deutschland zusammengetan und gemeinsame Projekte umgesetzt. An der Energiewende in Rheinland-Pfalz beteiligt sich Wallmerod mit dem „Aktionsprogramm Energie 2020“ und der ersten Brennstoffzelle im Westerwald.

Trotzdem kommt die Tradition nicht zu kurz. „Unsere Vereine und ihr vielfältiges aktives Gemeinschaftsleben sind ein starker Anker für uns. Hier entstehen Kontakte zwischen Jung und Alt, zwischen neuen und alteingesessenen Wallmerödern“, freut sich Steudter.

Der Erfolg ist längst messbar: Fast 200 Förderprojekte wurden realisiert mit einer Gesamtwertschöpfung von rund 30 Millionen Euro. „Ein kleines regionales Konjunkturprogramm“, formuliert Bürgermeister Lütkefedder stolz. „In 75 Prozent der Fälle ging die Förderung an junge Familien, von denen rund 25 Prozent zugezogen sind.“ Wallmerod – ein Dorf aus dem Bilderbuch mit Zuwachs. |