Eine herausfordernde Zeit

Was kann die Politik tun, um die Pandemiefolgen für die Unternehmen abzumildern? Ein Gespräch mit Daniela Schmitt, Staatssekretärin im rheinland-pfälzischen Wirtschaftsministerium, über mobiles Arbeiten und kreative Maschinenbauer, Fernunterricht und eine smartere Welt nach der Krise.


WURZELN

1 Wie erleben Sie zurzeit die Wirtschaft in Rheinland-Pfalz?

Unsere Unternehmen stellen sich der enormen Herausforderung, vor der wir im Moment alle stehen. Ich erlebe ein hohes Verantwortungsbewusstsein gegenüber den Mitarbeitern und den Kunden. Klar ist aber auch, dass die Wirtschaft Perspektiven einfordert. Ich will deshalb auch weiterhin immer dann und dort, wo es das Infektionsgeschehen zulässt, wirtschaftliche Betätigung ermöglichen, Beschränkungen beseitigen. Denn: Selbst erwirtschaftete Umsätze sind immer die beste Form der Wirtschaftsförderung.

2 Mit welchen finanziellen Hilfen unterstützen Bund und Land die Unternehmen in der Krise?

Bund und Länder haben innerhalb kürzester Zeit ein sehr differenziertes Unterstützungsinstrumentarium aufgebaut. Das Hilfsinstrumentarium umfasst Zuschussprogramme wie die Soforthilfe im März, die Überbrückungshilfe bis hin zur Novemberhilfe, mit der 75 Prozent der Umsatzausfälle bei unmittelbar vom zweiten Lockdown betroffenen Unternehmen kompensiert werden. Ergänzt wird dies durch zahlreiche Kreditprogramme von Bund und Land, der Bereitstellung von Beteiligungskapital und einem umfassenden Konjunktur- und Strukturprogramm des Landes, mit dem wir unsere Unternehmen mit mehreren hundert Millionen Euro unterstützen.

3 Kennen Sie positive Beispiele von Unternehmen, die durch besondere Ideen durch die Krise kommen?

In den Begegnungen mit rheinland-pfälzischen Unternehmen hat mich begeistert, mit welcher Kreativität und Innovationskraft sich diese der Krise entgegengestellt haben. Maschinenbauer haben ihr Know-how genutzt und ihre Produktion ad hoc umgestellt, um bei der Fertigung von Schutzausrüstung zu helfen. Online-Angebote in Dienstleistung, Gastronomie und Handel wurden neu geschaffen und ausgebaut. Die Nutzung von Digitalisierung und Augmented Reality in internationalen Geschäftsbeziehungen hat im produzierenden Gewerbe einen riesigen Schub nach vorne bekommen. Vernetzung, Digitalisierung und Diversifizierung – viele Unternehmen haben hier einmal mehr wahren Unternehmensgeist gezeigt, was mich stolz und zuversichtlich auf die rheinland-pfälzische Wirtschaft schauen lässt.

STANDPUNKTE

4 Wie sieht Ihr Arbeitsalltag in der Pandemie aus?

Er ist in jedem Fall digitaler geworden, Video- und Telefonschalten gehören mittlerweile zum Tagesgeschäft. Das erleichtert vieles. Mobiles Arbeiten ist zum Standard geworden. Vor-Ort-Termine gibt es derzeit leider nur sehr wenige und wenn, dann unter besonderen Voraussetzungen. Das ist schon eine besondere Herausforderung, denn mir ist wichtig, Unternehmen zu besuchen, sich im persönlichen Gespräch direkt auszutauschen, mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu sprechen und sich die wirklich innovativen Produktionsstätten ganz real anzuschauen.

5 Wie erleben Sie die Pandemie in Ihrem Bekannten- und Familienkreis?

Das Familienleben hat sich, wie bei allen, ein Stück weit verändert. Familie, Freunde und Bekannte nicht im gewohnten Maß sehen zu können, fällt auch mir schwer.

6 Wie erleben Sie die Solidarität in der Bevölkerung?

Ich erlebe großes Verantwortungsbewusstsein der Rheinland-Pfälzerinnen und Rheinland-Pfälzer. Die allermeisten folgen den Regeln, mit denen wir uns alle gegenseitig schützen können. Auch bei unseren Unternehmen gab es von Beginn an größte Solidarität. Handwerker produzierten Schutzwände, die anfangs gerade im Friseurhandwerk dringend gebraucht wurden. Chemieunternehmen haben ihre Produktion umgestellt und beispielsweise Desinfektionsmittel produziert. In vielen Städten wurden Online-Dienste und Lieferangebote in kürzester Zeit etabliert, um den innerstädtischen Einzelhandel zu unterstützen. Man schaut nach den Nachbarn, die Menschen achten aufeinander.

AUSBLICK

7 Ist es für Sie auch eine besonders spannende Zeit?

Es ist sicherlich eine Zeit des Umbruchs. Schon die ersten Monate haben gezeigt, dass wir digitaler werden und das in sehr kurzer Zeit. Fernunterricht an Schulen, Videokonferenzen im Unternehmen, die Corona-Warn-App – es gibt viele Beispiele. Ich bin mir sicher, dass wir das auch in Zukunft beibehalten werden und somit resilienter aus der Krise hervorgehen werden. Wir werden nach der Corona-Krise digitaler, smarter, innovativer sein.

8 Was bereitet Ihnen besonders Sorge?

Bislang sind wir recht gut durch die Krise gekommen. Wir werden aber mit Sicherheit viele Folgen erst im kommenden Jahr spüren. Hier ist es wichtig, dass wir uns als Staat unsere Handlungsfähigkeit bewahren und die Staatsfinanzen im Blick behalten. Wir werden auch in Zukunft ein gut funktionierendes soziales Sicherungssystem brauchen. Und das Fundament für einen starken Staat ist eine starke Wirtschaft. Es ist deshalb wichtig, dass wir die Wirtschaft eng begleiten und unsere Unternehmen in die Lage versetzen, auch in der jetzigen Situation in Innovationen zu investieren. Wir brauchen starke und zukunftsfähige Unternehmen.

9 Worüber freuen Sie sich besonders? Was macht Sie zuversichtlich?

s freut mich, dass uns diese herausfordernde Zeit genauso vor Augen führt, wie innovativ unsere Unternehmen sind, wie gut wir in Forschung und Entwicklung aufgestellt sind. Ob Biontech als Impfstoffentwickler, Boehringer Ingelheim mit seiner Medikament-Entwicklung oder die Schott AG, die Glasfläschchen für die Impfdosen produziert – rheinland-pfälzische Unternehmen sind ganz vorne mit dabei, wenn es um die Bewältigung der Krise geht. Darauf bin ich als Wirtschaftsstaatssekretärin sehr stolz. Wir sind heute schon höchst innovativ – und mit unserem Maßnahmenpaket „Climb up“ für die Wirtschaft in Rheinland-Pfalz werden wir unsere Unternehmen weiterhin unterstützen und ganz bestimmt gestärkt aus der Krise hervorgehen. |

Vernetzung, Digitalisierung und Diversifizierung: Viele Unternehmen haben hier wahren Unternehmensgeist gezeigt. 

Daniela Schmitt

 

Zur Person

Daniela Schmitt stammt aus Alzey. Sie ist Staatssekretärin im Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau des Landes Rheinland-Pfalz.

Die Diplom-Bankbetriebswirtin war bis 2016 Direktorin der Regionalmärkte Bingen/Ingelheim und Mainz der Mainzer Volksbank sowie ehrenamtliche Handelsrichterin beim Landgericht Mainz. Seit 2013 ist Daniela Schmitt stellvertretende Landesvorsitzende der FDP Rheinland-Pfalz und Mitglied im Bundesvorstand ihrer Partei.