„Wir kommen endlich in der Gegenwart an“

Wann wird alles wieder wie vorher? Hoffentlich gar nicht, sagt Zukunftsforscher Tristan Horx – und hat längst die Welt nach Corona im Blick.


Am Anfang ging es ihm wie allen anderen. „Eigentlich halte ich ja vor allem Vorträge, meist in engen Sälen und vor vielen Leuten. Das ging in diesem Frühjahr dann plötzlich nicht mehr, es kam eine Absage nach der anderen“, erinnert sich Tristan Horx. Nun hat der 27-Jährige aber den Vorteil, dass für ihn als Zukunftsforscher jegliche Art von Entwicklung interessant ist – auch die vermeintlich negative. „Das Thema Zukunft bietet sehr viel. Wie ist das einzuordnen, was da gerade passiert? Was macht das mit der Gesellschaft, mit der Wirtschaft, wie sollten wir reagieren und was ist danach?“ Dass auch er seit Monaten weitgehend im Homeoffice arbeiten muss, ist für ihn kein Problem: „Für mich war mobiles Arbeiten schon immer vollkommen selbstverständlich. Ich lebe Work-Life-Blending, also die Vermischung von Beruflichem und Privatem“, sagt er. „Am Anfang habe ich mir auch mal Sorgen gemacht – aber bei mir wandelt sich so etwas schnell, es gibt einen Adrenalinschub, und den nutze ich als produktive Energie.“

 

Natürlich, ein Zukunftsforscher ist kein Hellseher, und auch Tristan Horx wusste weder im März noch jetzt, was werden wird. Vielmehr hat er gemeinsam mit seinen Kollegen Zukunftsszenarien entwickelt: „Wir haben uns daran gemacht, verschiedene Zukünfte auszuloten. Welche sind erstrebenswert? Und wie kommt man dahin?“ Durch die Corona-Krise seien ja, sagt er, vor allem diejenigen Probleme deutlicher sichtbar geworden, die schon vorher da waren: Pflege, Arbeitsmarkt, Digitalisierung zum Beispiel. „Unsere Gesellschaft hat vor Corona viele Systeme lange vor sich hin wabern lassen und Probleme nicht wirklich gelöst.“ Das könnte sich jetzt ändern. Corona als Chance – das kommt bei Tristan Horx immer wieder vor.

Tristan Horx

Tristan Horx, 27
Zukunftsforscher, Sprecher und Autor am Zukunftsinstitut, das sein Vater Matthias Horx gegründet hat. Er befasst sich mit den Themen des gesellschaftlichen Wandels und erforscht, was der Generation X, Y und Z folgen wird. Horx ist zudem Dozent an der SRH Hochschule Heidelberg sowie Kurator von „Treffpunkt Zukunft“, einem Podcast für kritischen Zukunftsoptimismus.

Das Zukunftsinstitut
Das Zukunftsinstitut mit Sitz in Frankfurt am Main und Wien wurde 1998 gegründet, heute gilt es als einer der einflussreichsten Think Tanks der europäischen Trend- und Zukunftsforschung. Oberstes Ziel ist es, den Wandel begreifbar zu machen und Zukunft als Chance zu verstehen

Heißt das nun, dass er Optimist ist? Naja, sagt Tristian Horx, eigentlich würde er sich weder als Optimisten noch als Pessimisten bezeichnen, „sondern als ,Possibilitionisten‘, der sich immer mal ein bisschen Optimismus gönnt“. Possibilitionist? „Optimist oder Pessimist würde bedeuten, dass man sich passiv darauf verlässt, dass die Dystopie oder Utopie kommt. Possible dagegen heißt: Es ist machbar, man kann und soll etwas tun. Das wieder bedeutet, jede Krise auch als Chance zu denken, und genau das mache ich.“ Und das versucht er auch anderen nahezubringen. „Corona ist eine Art Zwangsbeschleuniger oder auch Zwangsmodernisierer. Wir sehen seit März, dass vieles möglich ist, das vorher angeblich nicht ging – Homeoffice, weniger Dienstreisen, digitale Prozesse.“ Ein vollständiges Zurück gebe es nicht mehr: „Manche Unternehmen versuchen zwar gerade, auf Teufel komm raus die Welt von gestern zu retten. Denen versuche ich zu erklären, dass es jetzt Zeit ist, die Welt von morgen mitzugestalten.“ Natürlich sei das schwierig und auch schmerzhaft, aber auf Dauer alternativlos: „Wenn ein Unternehmen jetzt zum Vorkrisenstandard zurückkehrt, sind die Schwierigkeiten in der nächsten Krise wieder da.“

Auch viele andere Entwicklungen, die die Zukunftsforscher schon lange beobachten, werden jetzt mehrheitstauglich – die Konsumkritik, der Minimalismus, das Thema Grundeinkommen. „Da wird nichts neu erfunden, vielmehr kommen wir jetzt endlich in der Gegenwart an. Viele Diskussionen waren ohnehin längst überfällig“, sagt Tristan Horx. „Wir Zukunftsforscher denken nicht: So, jetzt ist die Revolution da. Sondern: Willkommen im 21. Jahrhundert – genau das haben wir schon die ganze Zeit vorausgesagt.“

Ich habe noch zu viel Zeit vor mir, um pessimistisch zu sein. 

Tristan Horx
Trendforscher, Sprecher und Autor

 

Er selbst ist in seiner Forschung natürlich schon viel weiter. Während überall die Digitalisierungswelle rollt, denkt Tristan Horx längst darüber hinaus. „Mein Schwerpunkt liegt nicht so sehr in der Analyse, wie Unternehmen die Corona-Krise ökonomisch überstehen können – ich versuche eher, die nächste Evolutionsstufe zu zünden und zu erklären, wo es danach hingeht.“ Und wohin? Da sieht er eine, wie er es nennt, Humanisierungswelle auf die Gesellschaft zukommen. „Das bedeutet: Wir setzen besser auf das, was die Roboter nicht ersetzen können. Auf das Zwischenmenschliche, das Empathische, das Humane“, sagt Horx. „Es wird ein großer menschlicher Backlash kommen, eine starke Gegenreaktion auf das Digitale. Wir haben das ja während der Kontaktsperre sehr deutlich gemerkt. Was haben die Leute am meisten vermisst? Ihren Liebsten nah zu sein. Und uns ist bewusst geworden, dass auch 5.000 Facebook-Freunde keine wirkliche Nähe bringen.“  |