Auf Abstand

Was macht man, wenn man gerade ein Unternehmen gegründet hat und dann Corona kommt? Umdenken, sagt Holger Mannweiler von der Secufy GmbH aus Mainz. Das Start-up setzt jetzt ganz auf Abstand – und auf große Schiffe.


Banken vergaben keine Kredite mehr.

Das war schon bitter, wir waren erst

einmal wie in einem schwarzen Loch. 

Holger Mannweiler
Geschäftsführer Secufy

Das Timing war denkbar ungünstig. Holger Mannweiler hatte sein kleines Unternehmen Secufy 2018 gegründet, 2019 dann die Entwicklungsphase abgeschlossen und war mit Unterstützung der ISB gerade richtig durchgestartet. Er hatte Komponenten für die Produktion von 10.000 SOS-Buttons bestellt und schon bezahlt, als Corona kam. „Wie so vielen Unternehmen wurden auch uns etliche Aufträge storniert“, erzählt der 45-Jährige. „Lieferketten waren plötzlich unterbrochen, Banken vergaben keine Kredite mehr. Das war schon bitter, wir waren erst einmal wie in einem schwarzen Loch.“

Aber nur kurz. Aufgeben? Dafür ist Mannweiler nicht der Typ. Der studierte Physiker hat immer neue Ideen, mit einem sogenannten Start-up-Inkubator gründet er seit Jahren Unternehmen oder beteiligt sich an bestehenden. Meistens geht es dabei um IoT, das Internet of Things – also Internet verpackt in andere Anwendungen, zum Beispiel in Autos und smarten Haushaltsgeräten, in Maschinen und Fitnesstrackern. Oder eben: in seinem Secufy SOS-Button, einem 4,5 mal 4,5 Zentimeter großen Gerät, das ein bisschen aussieht wie ein MP3-Player und das für mehr Sicherheit sorgen soll. Gedacht ist es vor allem für kleinere Kinder und ältere Menschen, die allein unterwegs sind: Drücken sie in einer Notlage auf den Button, dann werden vorher festgelegte Kontakte per Handy über den genauen Standort informiert. „Im Gegensatz zu ähnlichen Geräten funktioniert er überall, sowohl drinnen als auch draußen“, erklärt Mannweiler. Dafür spielen mehrere Technologien wie Bluetooth und GPS zusammen.

„Können wir mit dieser Technologie nicht irgendetwas machen, das coronarelevant ist? Das haben wir uns im Frühjahr natürlich sofort gefragt, nachdem viele Stornierungen kamen“, so Mannweiler. „Können wir aus der Krise eine Chance machen? Nach einigen Runden Brainstorming haben wir gesagt: Ja, wir können.“ Und zwar mit einer Umprogrammierung des Buttons zu einem Abstandsmesser, der bei einer Unterschreitung des Corona-Abstands von 1,5 Metern piept. „Wir sind zum Testen tagelang durch unsere Räume gegangen und haben ausprobiert, welche Einstellungen am besten funktionieren“, erzählt Mannweiler. „Und wir haben verschiedene Piepser bestellt und ausprobiert – bei dem einen war der Warnton zu laut, beim anderen zu leise, die Batterie war zu schnell leer, wieder andere nicht in großen Stückzahlen lieferbar. Es hat schon gedauert, bis wir die passenden Teile bekommen haben.“

Doch mittlerweile sind tausende Abstandsbuttons ausgeliefert, etwa an Restaurants, die ihre Gäste damit ausstatten. Besonders erfolgreich sind Mannweiler und sein Team jedoch in einer Branche, mit der sie nie gerechnet hätten: auf Kreuzfahrtschiffen. „Ein Anbieter hat große Stückzahlen von uns bekommen, die jetzt alle Passagiere tragen. Das funktioniert sehr gut, der Kunde hat schon nachgeordert und will die Geräte auch nach Corona behalten. Wer weiß, wann die nächste Krise kommt ...“ Und wenn nicht? Dann können die Mini-Geräte einfach wieder umgebaut werden – zu den SOS-Buttons, als die sie eigentlich gedacht waren. |