Veränderung ist möglich

Wie kann Nachhaltigkeit gelebt werden? Durch Vernunft oder Vorschriften? Welchen Einfluss hat die aktuelle Krise? Wirtschaftsprofessor Michael von Hauff über Plastiktüten und Paradoxe, Schockmomente und die Nach-Corona-Welt.


Er war gerade 25 Jahre alt und studierte Volkswirtschaftslehre, als der Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“ vorstellte, eine Studie zur Zukunft der Weltwirtschaft. „Ich war sehr beeindruckt“, erinnert sich Michael von Hauff. „Die zentrale Aussage war, und man beachte, es war ja erst 1972: ‚Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht.‘“

Das überzeugte ihn schon damals – und sollte seinen weiteren Lebens- und Berufsweg prägen: Michael von Hauff wurde als Professor zu einem der international führenden Experten für Nachhaltigkeitsökonomie. Wer ihn googelt, bekommt als erstes „Nachhaltige Entwicklung“ vorgeschlagen. Und tatsächlich sieht von Hauff in unserer Gesellschaft einige positive Entwicklungen, die Hoffnung machen: Fair Trade ist – wenn auch in kleinem Maßstab – gewachsen, immer mehr Menschen leben vegetarisch und vegan. Da sind Nischen-Anbieter wie die kleine Brauerei, die CO2-freie Produkte herstellt und damit gute Geschäfte macht. Da ist das Beispiel Luxemburg, wo der öffentliche Nahverkehr jetzt kostenfrei ist. „Das Bewusstsein ändert sich schon – nicht bei allen, aber immerhin bei vielen Menschen.“

Andererseits werde heute vielleicht mehr denn je die Konsumentenfreiheit beschworen: „Jeder darf tun, was er will – nur das ist wirklich Freiheit.“ Von Hauff erinnert sich noch gut an die Zeit, als eine Partei einen fleischlosen Tag in der Woche anregte – und damit einen Sturm der Entrüstung auslöste. „Es hieß, das würde die persönliche Freiheit einschränken. Dabei würden, das belegen Studien ganz klar, eben solche fleischlosen Tage sehr viel für den Klimaschutz bewirken.“

Michael von Hauff
Michael von Hauff

Michael von Hauff, geboren 1947, war Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre an der Technischen Universität Kaiserslautern und Gastprofessor am Yangon Institute of Economics Myanmar, an der University of Delhi und der Nanyang Technological University in Singapur. Er hat sein ganzes Berufsleben lang zur nachhaltigen Entwicklung sowie zu Problemen der Entwicklungs- und Umweltökonomie geforscht. 2009 erhielt er den Deutschen Umweltpreis für seine Leistungen im Forschungsgebiet „Nachhaltige Entwicklung“.

Heute, fast 50 Jahre nach der Erstausgabe der „Grenzen des Wachstums“, ist der Begriff Nachhaltigkeit zum Allgemeingut geworden – allerdings ist der heute 72-jährige von Hauff kein allzu großer Anhänger dieses Wortes mehr: „Ja, es wird mittlerweile häufig verwendet, vielleicht aber auch zu häufig“, sagt er. „Am Ende geht es heute doch immer wieder sehr stark um den eigenen Nutzen, es herrscht eine große Ich-Bezogenheit.“ Das Paradoxe dabei sei, dass sich die Gesellschaft in vielen Punkten eigentlich weitgehend einig sei: „Es gibt wohl niemanden, der Klimawandel und Massentierhaltung, Kinderarbeit und Plastikmüll gut findet. Im Grunde gibt es ja längst einen gesellschaftlichen Konsens bei vielen Themen“, sagt er. Das sei der Schlüssel zur Veränderung: „Ich glaube, wir müssen genau da anfangen, wo wir eigentlich ohnehin einer Meinung sind: Massentierhaltung muss massiv eingeschränkt werden, ebenso der Plastikkonsum.“

Es gibt wohl niemanden, der Klimawandel und Massentierhaltung, Kinderarbeit und Plastikmüll gut findet. 

Michael von Hauff

 

Was also tun? Auf Regulierung setzen? Mehr Politik, weniger Freiwilligkeit? „Ja, ich denke, Nachhaltigkeit sollte stärker gesetzlich festgeschrieben werden – das sehe ich heute anders als früher. An diesem Punkt habe ich wirklich umgedacht in den vergangenen Jahrzehnten“, gibt Michael von Hauff zu. „Ich bin heute in vielen Bereichen für mehr Vorschriften, weil es sich eben doch nicht von allein regelt oder durch die Vernunft. Und ich kann mir vorstellen, dass viele Leute das im Grunde sogar gut finden. Dass sie sagen: Okay, solange ich schnell fahren darf, mache ich das auch. Aber wenn es verboten ist, ist es auch gut.“ Die Erfahrung habe das immer wieder gezeigt: Zuerst kommt die Diskussion mit einer Empörungswelle, dann die Vorschrift, dann funktioniert es. „Das hat sich gezeigt bei der Einschränkung von Plastiktüten oder damals beim Rauchverbot in Kneipen – trotz endloser Diskussionen und düsterer Untergangsszenarien gibt es heute immer noch Kneipen.“ Und auch Schockmomente könnten ihren Beitrag leisten: „Es sieht so aus, als bräuchte die Gesellschaft Ereignisse, die aufrütteln und die Dramatik aufzeigen. Für mich war Fukushima so ein Beispiel: Wir haben jahrelang gegen Atomkraft demonstriert – und doch hat sich lange nichts getan. Dann kam dieser eine Auslöser, und die Politik hat wirklich schnell gehandelt.“

Dass Veränderung möglich ist, könne man auch und gerade jetzt in der Corona-Krise beobachten – wobei die nachhaltige Wirkung erst später beurteilt werden wird: Wird die Notwendigkeit eingesehen und werden Maßnahmen verlangt, ist die Bereitschaft der Gesellschaft groß, Veränderungen mitzutragen und Einschränkungen hinzunehmen. Manch einer beschwört jetzt schon eine Nach-Corona-Welt, in der sich vieles zum Guten wenden wird – weil wir jetzt sehen, dass wir auch mit weniger Konsum und Flügen, dafür mehr Fahrradfahren und Solidarität recht gut leben können. „Ob das langfristig wirkt, vor allem, wenn wir einigermaßen glimpflich davonkommen, da bin ich allerdings skeptisch. Ich glaube, alle werden froh sein, wenn wir die Krise hinter uns haben – danach werden wir wieder loslegen wie vorher.“ Wahrscheinlich müssen doch wieder Gesetze her, um die positiven Erkenntnisse aus der Krise zu wahren.

Und er selbst? Wie lebt ein Nachhaltigkeitsökonom die Nachhaltigkeit? „Wir versuchen privat unseren Teil beizutragen: seltener zu fliegen oder ganz darauf zu verzichten zum Beispiel. Wir haben eine Solaranlage, wir haben das Autofahren weitgehend reduziert, kaufen Fair-Trade-Produkte.“ In einem Supermarkt in der Nähe hat er kritisiert, dass nur Plastiktüten für Obst angeboten wurden – tatsächlich gibt es seitdem auch Papiertüten. „Wir gucken, wo wir einkaufen, etwa regionales Obst und Gemüse. Natürlich klappt das nicht immer, es gibt Menschen, die da sehr viel weiter sind als ich“, sagt er. „Aber wenn jeder erst einmal das tun würde, was ihm relativ leichtfällt, dann wäre schon viel gewonnen.“  |